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Gespräch mit Herrn Henning Schmidt anlässlich seines Abschlusses zum Phaemo-Therapeuten

 

Herr Schmidt, was ist nach der Ausbildung anders als vorher?

 

Durch die Ausbildung habe ich sehr viel gewonnen und bin persönlich gewachsen. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Ausbildung ist Selbsterfahrung. Ich habe mich intensiv mit meiner Sozialisierung als Mann, mit meiner Beziehung zu meinem Vater und mit der Frage, wer ich heute bin, befasst.

 

Es geht in der Ausbildung tatsächlich ans „Eingemachte“. Es ist aber unabdingbar, dass ich mich mit Themen auseinandersetze, die in Bezug zu meinem eigenen Sein, zu meiner eigenen Lebenswelt stehen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass ich später mit den Jugendlichen, also mit meinen Klienten, mit empfinden, mit schwingen kann – also mit ihnen in Resonanz komme. Es ist schon erstaunlich, wie nahe ich thematisch bezüglich meiner Rolle als Mann bzw. meiner damaligen Entwicklung als Jugendlicher an mancher Biografie der heute von uns betreuten Jugendlichen dran bin.

 

Wie macht sich das im Alltag Ihrer pädagogischen Arbeit bemerkbar?

 

Für die Arbeit gewonnen habe ich vor allem ein hohes Maß an Gelassenheit und an Reflektiertheit – neben dem inhaltlichen und methodischen Zuwachs an therapeutischer Kompetenz. Fast alle unserer Jugendlichen haben bestimmte Erfahrungen, auf die wir in der KJG Ebener anders eingehen als andere Einrichtungen. Wir arbeiten bewusst pädagogisch und therapeutisch, d.h. wir geben den Jugendlichen Zeit und Raum für ein therapeutisches Erleben in unserer Einrichtung. Das bedeutet, dass mein „Korridor“ in der Arbeit deutlich weiter ist als würde ich „nur“ pädagogisch arbeiten. Für diesen weiteren Ansatz bin ich nun qualifiziert.

 

In unserer Einrichtung haben wir uns von einigen vertrauten Ansätzen klassischer Pädagogik verabschiedet. Unsere Klienten haben traumatische Erfahrungen gemacht, die sie in ihrem Verhalten re-inszenieren, die aber sozial nicht akzeptiert werden. Sie äußern sich häufig in Ausüben von Macht und Gewalt. Unser Hauptansatz ist es, dass diese Jugendlichen ihre Gefühle wieder entdecken, sie zulassen, denn damit haben sie Probleme.

 

Die Phaemo-Therapie hilft mir, mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen, an ihre relevanten Themen heranzukommen, den Prozess ihrer emotionalen Neu-Entwicklung zu unterstützen. „Phaemo“ steht für phänomenal-emotional, d.h. wir arbeiten mit dem, was der Jugendliche uns zeigt, z.B. eine Geschichte, die er uns erzählt, um darüber mit ihm zusammen, in kleinen Schritten, an seine eigene Geschichte, an seine Emotionen, zu gelangen. Dieser Prozess ist sowohl in den Alltag eingebunden als auch in eigens dafür reservierten und verbindlichen wöchentlichen Therapie-Einzelsitzungen.

 

Ihre Mitarbeiter*innen sind überwiegend pädagogische Fachkräfte. Wie realisieren Sie mit ihnen zusammen den Ansatz, sowohl pädagogisch als auch therapeutisch zu arbeiten?

 

Wir sehen uns als Gesamtpaket. Die KJG Ebener ist eine Jugendhilfe-Einrichtung, in der ganz normal pädagogisch gearbeitet wird. Unsere Gewaltberater*innen und Phaemo-Therapeut*innen sind ein Teil dieses Pakets. Die Phaemo-Therapeut*innen erbringen zum einen die therapeutische Leistung, zum anderen besteht ihre Rolle darin, alle Mitarbeiter*innen auf dem Weg zu unterstützen, für ihre pädagogische Arbeit eine therapeutische Haltung zu entwickeln und einzunehmen.

 

Dieser Weg ist für manche Mitarbeiter*in nicht leicht gewesen. Der engere „Korridor“ der klassischen Pädagogik gibt den Mitarbeiter*innen ja auch Sicherheit. Hinter Regeln und Sanktionen kann man sich „verstecken“, die erwartete professionelle Distanz hilft, sich nicht zeigen zu müssen.

 

Auch hier komme ich als Phaemo-Therapeut ins Spiel. Der pädagogische Ansatz des „du musst“ funktioniert bei unseren Jugendlichen nicht, wir arbeiten pädagogisch auf Basis einer therapeutischen Haltung. Das verlangt von den Mitarbeiter*innen, sich mit sich selbst und ihren Erfahrungen auseinanderzusetzen, mit dem alltäglichen Erlebnis, Hilflosigkeit zu spüren, wenn die äußeren Regeln und Sanktionen nicht mehr greifen. Neben therapeutisch geschulten externen Kräften – als Supervisor*innen und Weiterbildner*innen – unterstütze ich im Rahmen kollegialer Beratung die Mitarbeiter*innen darin, eine therapeutische Haltung zu verinnerlichen. Sie gibt ihnen eine neue, innere Sicherheit, um mit unseren Jugendlichen pädagogisch arbeiten zu können. Ich bin davon überzeugt, eine solche Haltung würde auch anderen Einrichtungen guttun.

 

Herr Schmidt, vielen Dank für das Gespräch!

 

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Galerie

Die Fotos auf dieser Seite stammen von unserer Ferienfahrt 2017 nach Rügen.

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